Die 'Kampfgruppen der Arbeiterklasse'

Wie jeder größere volkseigenen Betrieb hatte auch der Waggonbau Bautzen eine 'Kampfgruppe der Arbeiterklasse'.

Im Fernsehen und in der Presse wurde mit großem Pathos diese militärischen Formationen bei jeder Gelegenheit als ein 'Garant des Friedens' präsentiert. Gelegentlich wurden die Kampfgruppen auch als ein 'Schwert der Partei' bezeichnet. Für Außenstehende mussten die Kampfgruppen als eine Vereinigung glühender Kommunisten erscheinen.

Kampfgruppen-Waffenübergabe Die Bildunterschrift lautete:
Die Mitglieder der Kampfgruppe erhielten am 13. Februar 1953 vor dem Magazin aus den Händen der Partei ihre Waffen

Zunächst: Welche Motive waren für die Mitarbeit in den Kampfgruppen maßgebend, in denen insbesondere viele Angestellte aber nicht so viele Vertreter der Arbeiterklasse ihren Dienst taten.

Entsprechend dieses Motivationsmixes war auch die Zusammensetzung der 'Truppe'. In der überwiegenden Mehrzahl waren es also ganz normal eingestellte Bürger, weder 'glühende Kommunisten' noch irgendwelche Waffenverrückte. Der abnehmende Akzeptanzgrad der DDR-Politik spielte in den Kampfgruppen die gleiche Rolle wie in der allgemeinen Bevölkerung.

Die 'Kampfkraft' der Kampfgruppe wurde von den Parteileitungen insbesondere an der Mitgliederzahl und an der Beteiligung an Übungen und Alarmen gemessen. Der dabei permanent betriebenen Selbstbetrug zeigte sich insbesondere bei der Messlatte Alarm. Jeder Alarm (man möge mir verzeihen, wenn es irgendwo eine Ausnahme gab) wurde vorangehend angekündigt und durch Absprachen abgesichert, so dass auch jeder am Morgen schon auf dem Sprung war.

Zackig war bei uns der Betriebsarzt, schwere Bandscheibenleiden waren für diesen z.B. kein Grund, eine Freistellung von der Kampfgruppe zu bescheinigen.

Nach deutscher Manier gab es auch viel Symbolik, z.B. bei der Namensgebung der Hundertschaften. Im Waggonbau Bautzen gab es beispielsweise eine Hundertschaft, die den Namen eines verstorbenen verdienten Werkleiters trug. Und natürlich gab es zahlreiche Fahnenappelle bei unterschiedlichen Gelegenheiten.

Eine besondere Freude war jedes Jahr die Teilnahme an der örtlichen Maidemonstration: Zeitiges Aufstehen, Einkleiden, Waffenübernahme (wurde später ausgesetzt), ein halbstündiger Marsch zum Stellplatz - zur Sicherheit eine Stunde vor geplanter Demonstration, die Demonstration selbst vielleicht 10 Minuten und alles wieder zurück.

Natürlich wurden die Kämpfer auch vereidigt, mit der Waffe in der Hand unter Einsatz des eigenen Lebens die DDR zu verteidigen - aber wer glaubte schon an so einen extremen Fall. Die allgemeine Meinung war hier so, dass die schwach ausgerüstete und untrainierte Kampfgruppe bei wirklichen Auseinandersetzungen keine Rolle spielen kann und die Aufgabe auf den Schutz des Betriebes gegen einzelne 'feindliche Agenten' beschränkt bliebe.

Die 'Nagelprobe' blieb den Kampfgruppen im Herbst 1989 bei den Wendeunruhen erspart. Offenbar war der DDR -Führung in zwischen klar geworden, dass sich diese Truppe nicht gegen das eigene Volk einsetzen lässt.

Bezeichnend ist hierzu der nachstehende interne Vermerk des MfS (Ministerium für Staatssicherheit)

Information über einige beachtenswerte Erscheinungen in den Kampfgruppen der Arbeiterklasse im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Lageentwicklung:

Zur Gewährleistung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit wurden im Zeitraum des 40. Jahrestages der Gründung der DDR und im Zusammenhang mit der Abschiebung von ehemaligen DDR-Bürgern ca. 3.500 Angehörige der Kampfgruppen der Arbeiterklasse im Rahmen von Sicherungs-Einsätzen direkt zum Einsatz gebracht und weitere 7.100 in Bereitschaft versetzt.

In verschiedenen Einheiten kam es im Verlaufe der Einsätze zu die Kampf- und Einsatzbereitschaft sowie den politisch-moralischen Zustand beeinträchtigenden Vorkommnissen, Handlungen und Erscheinungen. Das findet seinen Ausdruck vor allem in

Eine im Betrieb angesetzte Übung, welche das Vorgehen gegen Menschenansammlungen zum Ziele hatte, wurde beispielsweise aufgrund von Widerständen unter den Kämpfern ohne weitere Diskussionen abgesetzt und ein weniger verfängliches Thema aufgenommen.

Ausrüstung und Ausbildungsprogramm der Kampfgruppen waren übrigens im Wesentlichen identisch mit denen der Bereitschaftspolizei der DDR.

Aufregungslos wurde das Kapitel Kampfgruppen im Waggonbau Bautzen mit der Übergabe der Waffenkammer und der anderen Ausrüstungen abgeschlossen.

Das Lied der Kampfgruppen kann man hier herunterladen!